Samstag, 14. Februar 2015

Prinz im Blumenladen




„Raja, beeil dich, sonst hat der Laden zu, bevor wir dort sind.“ Oma steht im Flur und ruft. Und bevor Rapunzel sich Gedanken machen kann, ob sie mich mitnimmt, schlüpfe ich schnell in die große Tasche ihres Kapuzenpullis.
Die Großeltern sind ganz selten zu Besuch. Und wenn sie kommen, bleiben sie selten lange. „Ihr seid uns zu anstrengend“, meint Opa immer. Ich muss ihn mal fragen, ob er mich mitnimmt. Mir ist meine Menschenfamilie nämlich auch zu anstrengend.
Ständig macht mindestens einer aus der Familie auf irgendeinem Instrument Krach. Bei zwei Erwachsenen und sechs Kindern ist das schon schlimm genug. Zudem streiten sie sich lautstark, wer das arme Klavier zuerst quälen darf. Oder wer die Tür schließen soll. Zum Schluss bleibt sie offen und alle müssen sich die Musik anhören.
Wenn die Kinder in der Schule sind, sollte es eigentlich leise sein. Irrtum. Dann kommen nämlich die Musikschüler der Mutter. Oder sie trillert so laut, dass die Polizei anrücken müsste. Sie probt nämlich für ihre Auftritte als Sängerin.
Am besten nehmen die Großeltern nicht nur mich mit, sondern auch Rapunzel. Das würde das Nesthäkchen der Familie vor einem Gehörschaden bewahren. Und ich wäre nicht so allein.
Jetzt bin ich der Großmutter dankbar, dass wir einkaufen gehen und ich dem Lärm entkomme. Eine Weile schweigen die beiden. Schließlich meint Großmutter: „Herrlich, diese Ruhe.“
Rapunzel fasst ihre Hand und hüpft neben ihr her. Mir wird ganz schlecht von dieser Schaukelei. „Morgen wird es wieder besser. Rosenrot meinte, wir müssten etwas zum Valentinstag einüben. Zorro hat sie zwar ausgelacht und gemeint, Valentinstag ist kein Feiertag, Und Winnetou meinte, es ist nur für Verliebte. Aber Rosenrot wollte unbedingt, dass wir etwas vortragen“, erzählt Rapunzel. Rosenrot, Zorro und Winnetou sind Rapunzels Geschwister. In dieser verrückten Familie haben alle verrückte Spitznamen.
„Hm, sonst macht ihr aber auch immer viel Krach“, sagt Oma.
„Dann spielt doch mit. Oma, du kannst mit mir flöten. Zu zweit macht es viel mehr Spaß.“
Oma macht ein Gesicht, als würde es ihr keine Freude machen. Deshalb hält Rapunzel lieber ihren Mund. Und dann erreichen wir auch schon den Blumenladen. Hier duftet es nach Frühling. Überall stehen Eimer mit ganz vielen Blumen. Tulpen, Osterglocken, Rosen und was weiß ich.
„Schön, die muss ich malen“, meint Rapunzel. Sie geht langsam durch den Laden und schaut sich alles genau an. Ich finde es ziemlich langweilig. Rosen habe ich schon so oft gesehen. Die sind öde. Ich schlüpfe aus dem Pulli und springe auf einen Tisch, auf dem Blumentöpfe stehen.
„Kann ich Ihnen helfen?“, fragt die Floristin. Und Oma überlegt, was alles in den Strauß soll. Ich beschließe, mir den Laden genauer anzusehen. Hinter dem Tresen mit der Kasse geht eine Treppe hinunter. Ich springe in den Keller. Hier ist es kühl. Überall stehen Blumen. In einer Ecke liegt Draht, Schere und Zange. Unter dem Tisch steht eine Kiste mit Grünzeug. Auf dem Fußboden liegt auch ganz viel grünes Zeug. Prima, die sparen sich dadurch den Teppich. Es ist fast wie im Wald. Voller Begeisterung wühle ich mich durch den grünen Schnippelkram und vergesse die Zeit.
„Prinz, Prinz, wo bist du?“, ruft Rapunzel.
„Rapunzel, wir müssen nach Hause. Es gibt gleich Essen.“ Oma klingt weit weg. Sie steht wohl schon auf der Straße.
„Prinz, komm endlich.“ Richtig verärgert klingt meine Prinzessin. Also wetze ich die Treppe hoch und rase durch den Laden. Eine junge Frau versperrt mir den Weg. Die war vorhin noch nicht da. Ich hüpfe über ihre Füße. Da fängt sie an zu schreien. „Sie haben Ungeziefer im Laden! Das melde ich.“
„Das ist kein Ungeziefer, das ist meine zahme Ratte!“, sagt Rapunzel empört und hebt mich hoch.
Die Floristin schaut sie nur böse an, hält die Tür auf und faucht: „Raus! Dich will ich hier nie wieder sehen.“
Meine Güte, warum mögen die mich nicht? Ich habe doch gar nichts getan. Ob ich noch einmal umkehren und den beiden Frauen die Meinung sagen soll?
„Rapunzel, du darfst deine Ratte nicht überall laufen lassen.“
„Sie macht doch gar nichts. Und die verkaufen auch keine Lebensmittel!“
„In den Laden gehe ich sowieso nie wieder“, erkläre ich.
Oma lacht. „Die lassen uns auch nicht mehr rein.“
Zum Glück ist Oma nicht nachtragend und petzt auch nicht.
Und Rapunzel hat so viele schöne Blumen gesehen, dass sie nach dem Abendessen noch ganz viele Tulpen und Osterglocken malt. Mal einen einzelnen Strauß und dann den Laden mit den vielen Eimern voller Blumen.
„Die verwelken wenigstens nicht“, meine ich.
Rapunzel nickt. „Und sie sind preiswerter. Die sind für die Eltern und das Bild ist für Oma und Opa.“
Ich mag es, wenn sie malt. Das schont meine Ohren.

@Annette Paul

1 Kommentar:

  1. Eine wunderschöne Geschichte, die einfach gute Laune macht. Über die Gedanken der Ratte Prinz muss ich immer wieder schmunzeln. Grüss mir Prinz und Rapunzel auch von Nepomuck, Christine.

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